Ein Tag mit Papa – Geschichten & Erinnerungen

ein tag mit papa
Ein Tag mit Papa

Der neue Tag, Papa, ich, die Welt!

Als mich eine Hand am Arm berührte, wachte ich auf. Ich öffnete die Augen und sah Papa vor mir. Er saß auf der Bettkante meines inzwischen schon viel zu klein gewordenen Bettes und sagte „Guten morgen Kerle, aufstehen wir haben heute viel vor!“ Immer dieses blöde „Kerle“ dachte ich mir, denn ich war ja inzwischen kein kleines Kind mehr, sondern ein Junge mit 9 Jahren.

Als ich mich lauthals und zum wiederholten Male über dieses Kerle beschwerte und zu verstehen gab, dass ich ja schon ein großer Junge mit neun Jahren sei, sagte Papa ohne lang zu überlegen „Deswegen nenne ich dich doch Kerle, weil du schon neun bist, ein junger Mann der mir in den nächsten 5 Jahren über den Kopf wachsen wird, wenn das so weiter geht!“ Papa grinste über beide Ohren und startete eine Kitzel Attacke mit großem Geschrei: „Aufstehen Großer, Mama ist heute bei Ihrer Freundin und wir machen heute einen Männertag und kaufen Dir endlich ein neues Bett!“

Vor Überraschung über diesen Frontalangriff pieselte ich mir vor Lachen fast in die Hose und schrie lauthals: „Stopp, Papa ich muss aufs Clo“. „Na dann los, ins Bad, danach kommst du zum Frühstück in die Küche und hilfst mir beim Eier kochen und danach ab zum Zähneputzen, los geht’s!“ Papas Finger zeigte in Richtung der Kinderzimmertüre, wie magisch gebannt sah ich auf seine im wahrsten Sinne des Wortes richtungsweisende Ansage, ausgedrückt durch seinen ausgestreckten Zeigefinger, sprang aus dem Bett und der Tag startete voll Freude und Elan.

Papa und sein Humor – Ein Tag mit Papa

Vater war kein besonders männlicher Typ, so empfand ich es jedenfalls. Er war eher von kleiner zerbrechlicher Statur, sehr schlank und hatte bereits eine stetig wachsende Tonsur auf seinem Haupt. In der Vogelperspektive wäre wohl dieser runde Kreis ohne Haare als erstes aufgefallen. Dad hatte einen Vollbart, ich liebte das, wenn er mich herzig umarmte und seine weichen Barthaare meine Wange streichelten. Gar nicht kratzig war das, sondern angenehm und kuschelig.

Inzwischen befand ich mich am Frühstückstisch und auf was ich heute besonders stolz war: Papa saß mit mir alleine beim Frühstück, also wirklich ein echter Männertag!“ Ein gemeinsames Frühstück war ein doch eher seltenes Ereignis, denn Papa war häufig beruflich unterwegs.

Er war Außendienstmitarbeiter eines großen Pharamunternehmens und reiste mit seinem Geschäftswagen in ganz Deutschland umher. Manchmal erzählte er mir von Ärzten die nicht zufrieden mit seinen Produkten waren. Bei diesen Erzählungen benutzte er alle verbalen und nonverbalen Ausdrucksmöglichkeiten die einem Erzähler so zur Verfügung stehen.
„Frau Doktor Mayer hat sich wieder furchtbar über die zu spät gelieferten Einwegkanülen aufgeregt, du hättest ihr Gesicht sehen sollen…!“ Papa zog die Mundwinkel nach unten und sah beschämt und arrogant gleichzeitig aus. „Sah so die Frau Doktor aus, als sie sich aufgeregt hatte?“ Papa sagte eine Oktave höher: „Ja!“ Und erneut pieselte ich mir vor Lachen fast in die Hose.

Die strenge Seite meines Vaters

Der Rest des Morgens war Routine, obwohl mich Papa mit diesem Zähneputzen und morgendlichen Waschen immer ein wenig auf die Nerven ging. Er war da furchtbar konsequent und völlig unnachgiebig, er meinte dann immer, dass Hygiene ganz wichtig sei, vor allem auch für einen Jungen. Das interessierte mich überhaupt nicht und wir gerieten im Badezimmer regelmäßig aneinander. Heute war es sogar besonders nervig, meine gute Laune war wie weg geblasen und ich begann, als wir uns für die Abreise zum Möbelhaus fertig machen wollten, an zu bocken!“

Papi verlor ein wenig die Nerven und schimpfte mit lauter Stimme: „Ich nehme mir doch keinen Tag frei um dann von meinem Sohn zu hören, dass er auf einmal doch keine Lust hat den Tag mit seinem Papa zu verbringen, das ärgert mich!“ Papa schimpfte und schimpfte, sah mich dabei nicht an, lief im Raum umher und blieb mit ernster Miene vor mir stehen. Ich bekam es jetzt etwas mit der Angst zu tun, Papa schien wohl wirklich sauer zu sein.

Danach lief er wieder im Raum umher und sagte immer wieder „ich bin ärgerlich, ich bin ärgerlich.“ Jedes jetzt nachfolgende „Ich bin ärgerlich“ wurde von Papa wieder mit angehobener Stimmlage gesprochen, bis ich wieder Frau Doktor Mayer vor mir sah, die ja auf Papa sauer war. Eigentlich war ich eben noch kurz vorm heulen, weil Papa so streng war, doch  er hatte die Gabe durch Ablenkung, Witz und Humor eine ernste Angelegenheit zwischen Vater und Sohn in Wohlgefallen aufzulösen.

Ein Tag mit Papa – das Möbelhaus

Ich gab Papa zu Bedenken, dass es groß genug sein müsse, denn mit Füßen außerhalb des Bettes zu schlafen fand ich nicht so toll. Papa sprach dann einen Möbelverkäufer an, recht unsicher, so kannte ich ihn, jedoch machte er seine Unsicherheit wett indem er immer wieder seinen Humor einsetzte.

Als sich Papa versprach indem er nach einem Ehebett fragte, korrigierte er sich sofort und sagte dem Verkäufer im gleichen Atemzug: „In einem Ehebett haben ich und meine Frau diesen wunderbaren Jungen gemacht, für den ich jetzt ein Bett brauche, also zeigen sie uns doch ein Kinderbett, keine Ehebett!“ <

Manchmal ist Daddy peinlich

Mir war das zwar fürchterlich peinlich, aber der Verkäufer fand das höchst erfrischend und gab uns zu verstehen, dass wir im folgen sollten. „Wie soll es denn aussehen?“, fragte er uns während des Fußmarsches zum anderen Ende der Möbelabteilung, da wo die Kinderabteilung ihren Anfang nahm. „Fragen Sie meinen Sohn!“ Ich war sprachlos, Papa überlies mir völlig freie Hand bei der Auswahl des Bettes. Ich war überglücklich und so stolz, dass Papa mir es zutraute schon das Richtige auszusuchen.
Ich textete den Verkäufer regelrecht zu: „Also, es muss so groß sein, dass meine Füße auch rein passen, das ist bei meinem jetzigen Bett nicht mehr so!“ Und es soll bunt sein, am Besten grün, das ist meine Lieblingsfarbe und es soll ein Hochbett sein, wo man in der früh runter klettern muss.“ Wie als wolle ich eine Bestätigung erhalten, sah ich bei meinen Aufzählungen Papa an und nicht den Verkäufer.

Papa nickte nur, auch der Verkäufer war nun im Bilde. Er führte uns auf direktem Wege zu einem recht außergewöhnlichen roten Hochbett und sagte: „Das gibt’s leider nur in rot, hat aber nen cooles Kletterseil zum runter klettern, eine Leiter und eine sehr gute Kindermatratze. Is allerdings und dabei fuhr er sich nervös durch sein wuscheliges Haupthaar und sah in zur Decke, is allerdings in gehobenerer Preiskategorie.

Mutter und Vater – Ein Tag mit Papa

Er hatte das Wort noch nicht ganz ausgesprochen, da fuhr ihm Papa ins Wort: „Was bedeutet gehobene Preiskategorie?“ Der Verkäufer räusperte sich und blickte meinen Vater nun direkt an: 399 Euro, aufbauen müssen sie es aber selber. Ich wollte aber ein Grünes, gab ich zu bedenken. „Das Bett ist toll Papa, aber nicht grün!“

Papa bedankte sich erst mal bei dem Verkäufer und ging mit mir erst mal zu dem kleinen Kaffee, welches in das Möbelhaus integriert war. Er bestellte sich einen Kaffee und mir eine Cola und setzte zu einer Generalansprache an. Ich konnte das immer erahnen, denn mein cooler Daddy verzog bevor er redete immer so komisch die Augenbraun, das war mir immer peinlich, aber nur dann wenn andere dabei waren, jetzt war mir das egal.

Papa sagte: „Was hältst du davon, wenn wir das Bett grün streichen?“ Ich sah ihn ungläubig an und dachte er macht einen Witz. „Was hältst du davon wenn wir es nehmen, zu Hause gemeinsam aufbauen und danach grün streichen? Mama wird zwar alles andere als begeistert sein, aber die kriegen wir schon hin, oder?“

Nach meiner ersten Fassungslosigkeit sagte ich zu Papa „give me five“ und streckte ihm meine offene Hand entgegen. Er schlug ein, setzt aber zu einem weiteren Gespräch an: „Hör mal, so machen wir das heute. Ich muss mit Dir über Mama reden“ sagte er dann! Mama und ich, wir sind gerade dabei uns wieder sehr gut zu verstehen. Wir hatten eine längere Zeit, da war das nicht so, das hast du gemerkt, oder?“

Ich nickte traurig und mir war nach diesem positiv Schock und der danach ernsthaften Sache fast zum heulen zu Mute. Papa nahm mich in den Arm und fuhr seine Ausführungen fort: „Wenn es so weiter gegangen wäre hätten sich Mama und ich getrennt, das weißt du!“ Jetzt konnte ich nicht anderes mir flossen die Tränen über die Wange und ich krallte mich an Papa regelrecht fest. „Jetzt haben Mama und ich einen Weg gefunden wie wir uns wieder verstehen. Wir reden sehr viel miteinander, streiten auch oft, das bekommst du ja immer wieder mit.

Ich möchte Dir aber sagen, dass es uns zweien wieder gut geht. Wenn wir streiten ist das nicht schlimm für uns, ganz im Gegenteil, wir sind uns seit dem wieder näher gekommen. Du brauchst keine Angst haben, Mama und ich wir verstehen uns wieder und selbst wenn wir uns getrennt hätten, hättest du weder mich noch die Mama verloren!“ Er griff mich an beiden Armen und sah mich ernst und gleichzeitig liebevoll an. „Ich möchte dass du das weißt, wir haben Dich beide sehr lieb!“

Give me five! Ein Tag mit Papa

Ich konnte nicht anders und begann lauthals zu weinen. Mir war das aber gar nicht peinlich, die ganzen Leute die um den Back Shop herum standen, interessierten mich nicht. Ich fühlte mich in diesem Moment in Papas starken Armen so geborgen und spürte seine Kraft und seine Liebe gleichzeitig. Papa weinte auch, er hatte kein Problem, Schwäche zu zeigen, noch nie. Wahrscheinlich machte es mir deswegen auch nichts aus, dass wir beide, eng aneinander gekuschelt weinende im inzwischen dicht bevölkerten Back – Shop saßen.

Nach ein paar Minuten der Erholung gingen wir beide schweigend zum Verkäufer der uns vorher beraten hatte und Papa sagte nur: „Wir nehmen das Rote und machens grün!“ Der Verkäufer sagte nur: „Schön“, stellte die Rechnung aus und bat uns einen Wagen zu holen, mit dem wir dann die Einzelteile des Bettes zum Auto bringen konnten. Wieder zu Hause angekommen, machten wir uns sofort daran das Bett aufzubauen.

Mama war noch nicht da, obwohl es schon vier Uhr nachmittags war. Ich machte mir, auch im Bezug auf das Gespräche mit Papa, Sorgen um Mama und wünschte mir so sehr, dass sie jetzt hier wäre. Beim Aufbau wurde geflucht und geschimpft, manche Ausdrücke die Papa von sich gab waren eigentlich für die Ohren eines fast 10 jährigen nicht unbedingt bestimmt. Aber, wir waren ein gutes Team, ich hielt die Bretter so dass Papa die einzelnen Latten zusammen schrauben konnte.
Nach eineinhalb Stunden des Zusammenbauens, einem durchschwitzen Hemd Papas, einer kleinen Wunde die ich mir beim herausziehen eines Schiefers zu zog stand es da, mein noch rotes Bett. Jetzt sagte Papa: „Give me five!“

Ich freute mich so, dass ich wild in der Wohnung umher lief und schrie: Endlich ist es da mein neues rotes, grünes Bett und Papa und Mama bleiben zusammen!“ Papa holte mich schnell wieder runter. Er bat mich mit in den Keller zu kommen um die noch vorhandene grüne Holzfarbe und einige Pinsel zu holen. Ich hatte eigentlich gar keine Lust mehr zu malen, folgte aber trotzdem Papas Worten. So machten wir uns noch um sechs Uhr Abends daran, das Bett grün zu streichen.

Ein Tag mit Papa

Das übliche Männerchaos blieb aus, wir machten nur einen einzigen winzigen Fleck auf den Fußboden des Kinderzimmers. Nach dem beseitigen aller Zeitungsunterlagen betrachteten wir stolz das fertig bemalte Bett. Ich war Überglücklich und ich glaube auch Papa war sehr zufrieden. In diesem Moment hörten wir den Schlüssel in der Türe. Mama kam. Ich überfiel sie schon an der Eingangstüre, sprang auf sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Mama musste sich jetzt alles anhören, vom eigentlich roten Bett, das Gün wurde, von Papa der Frau Doktor Mayer nach äffte, und und und. Mama schien auch glücklich. Sie brachte mich danach ins Bett, nicht in das Neue, das war noch nicht getrocknet, sondern in mein altes das jetzt am anderen Ende des Zimmers stand.

Sie las mir eine Geschichte vor und streichelte danach meinen Kopf. Ich schlief sofort ein. Papa konnte ich beim Zu Bett gehen nicht brauchen, da brauchte ich meine Mama, unbedingt. Keine Verstand es so gut mir Geschichten zu erzählen. Keine konnte mich so sanft streicheln wie Mama es konnte. Es war ein Tag mit Papa, mit Papa und Mama. So schön!

Ein Tag mit Papa:

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